Apokalypsen

Im Jahre 1888, also zu Zeiten des Sozialistengesetzes, schreibt der naturalistische Schriftsteller Conrad Alberti in einer der führenden naturalistischen Zeitschrift, der „Gesellschaft“, einen Aufsatz mit der Überschrift: „Die Bourgeoisie und die Kunst“. Es heißt:
„Künstler! Genossen! Ihr Alle oder sage ich Ihr Wenigen? (…) ihr, die ihr noch eine wahre und große Liebe hegt für die wahre und große Kunst (…) Ihr habt gesehen, der heutige Niedergang der Künste ist kein bloßer arger Zufall, er ist eine soziale Notwendigkeit, es liegt im Wesen der Bourgeoisie, daß sie AlIes korrumpiert, materialisiert und vergiftet, was in ihren Bereich gerät, und so auch die Kunst daß sie dieselbe systematisch untergraben, herabziehen, vernichten muß. Und das soll das Ende sein? Horch, welch Tosen und Donnern und Rollen. Der Erdboden schwankt, die Paläste stürzen, Feuerwolken schnauben einher und der Würgeengel geht über die Erde.
Ein riesiger Dämon mit rauch- und staubgeschwärztem, faltigem Antlitz, mit fürchterlichen Muskeln, mit eisernen Fäusten und finster gerunzelter Stirn stapft dahin, und unter einen eisenbeschlagenen Stiefeln, unter der Wucht seiner knochigen Finger zersplittern Säulen, krachen Mauern wie dürres Reis.
Hui, und er bläst höhnisch pfeifend vor sich hin und zu Boden stürzen Marmorhilder mit zerbrochenen Gliedern (…) Er aber schreitet weiter, gefühllos, kalt, kein Muskel zuckt in seinem Antlitz, und gleichgültig zerschüttet sein Fuß Paläste und Kirchen, Theater und Akademien. Das ist der Sozialismus! Wohlan er vernichte uns (…) Er schlägt uns tot, doch er erspart uns die Schmerzen der langsamen Vergiftung (…)“

Was Alberti hier formuliert ist die Untergangsvision des 19.Jahrhunderts, eine Apokalypse, die der Sozialismus bringen wird: „er vernichtet uns“ und erspart uns damit den Tod der „langsamen Vergiftung“.

Zwölf Jahre später, an der Wende zum 20. Jahrhundert fühlt Wilhelm Bölsche ebenso apokalyptische Verhältnisse herannahen; Er schreibt:
„Das Jahrhundert, in das wir uns jetzt einschiffen, wird wahrscheinlich ungeheuere Krisen, furchtbare Stürme bringen. Vielleicht bricht die Pest los und lehrt uns, daß die Naturforschung noch nicht allmächtig ist. Vielleicht schlägt die entsetzliche Revolte der Hungernden uns die ganze Kunst in Stücke, weil der Marmorleib der Venus von Milo kein Brot ist. Die apokalyptischen Reiter werden für ihr Teil reiten, mit ihrer Wucht des Naturgesetzes, wenn die Stunde sich erfüllt. Vielleicht wird die Weltstadt wirklich dabei wieder endgültig verschwinden, vom Schicksal zertreten wie ein kolossaler Bovist.“ (Bölsche, Vorwort zu: Hinter der Weltstadt, 1904)
Die Geschichte des 20.Jahrhunderts hat Bölsches Ahnung auf fatale Weise bestätigt. Aber beide Visionen sind von sozialen Kräften verursacht.
An der Zukunft der Natur zweifelt Bölsche weniger, aber nicht bedingungslos: „Jedenfalls haben wir in absehbaren Zeiten keinen Anlaß, an Naturkatastrophen zu glauben, denen dieser allerseits erwachte Mensch der beherrschten Energien nicht ebenfalls gewachsen wäre. Wenn er nur einsieht, daß diese ungeheure Aufgabe einer Veredelung und Vergeistigung der Natur auf höheren Zweck untrennbar verknüpft sein muß mit seiner eigenen geistigen Arbeit an sich selbst — der Arbeit, die ihn seine Kraft nicht im wilden Menschengegensatz untereinander vergeuden läßt, sondern in geläuterter und friedlicher Kultureinheit und Kulturgemeinschaft Hand in Hand dem unendlichen Ziele zuführt.“ (Der Mensch als gestaltende Macht in der Natur. In: Curt Grottewitz: Der Mensch als Beherrscher der Natur.)
Nicht “im im wilden Menschengegensatz untereinander vergeuden“, sondern „in geläuterter und friedlicher Kulturgemeinschaft“ heißt seine Hoffnung für die Zukunft.

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