Gründungsaufruf Freie Volksbühne 1890

„Aufruf zur Gründung einer Freien Volks-Bühne“:

„Das Theater soll eine Quelle hohen Kunstgenusses, sittlicher Erhebung und kräftiger Anregung zum Nachdenken über die großen Zeitfragen sein.

Es ist aber größtenteils erniedrigt auf den Standpunkt der faden Salongeisterei und Unterhaltungsliteratur, des Kolportageromans, des Zirkus, des Witzblättchens. Die Bühne ist eben dem Kapitalismus unterworfen, und der Geschmack der Masse ist in allen Gesellschaftsklassen vorwiegend durch gewisse wirtschaftliche Zustände korrumpiert worden.

Indessen hat sich unter dem Einflusse redlich strebender Dichter, Journalisten und Redner ein Teil unseres Volkes von dieser Korruption befreit. Haben doch Dichter wie Tolstoi und Dostojewski, Zola, Ibsen und Kielland, sowie mehrere deutsche „Realisten“ in dem arbeitenden Volke Berlins einen Resonanzboden gefunden

Für diesen zu gutem Geschmack bekehrten Teil des Volkes ist es ein Bedürfnis, Theaterstücke seiner Wahl nicht bloß zu lesen, sondern auch aufgeführt zu sehen. Oeffentliche Aufführungen von Stücken, in denen ein revolutionärer Geist lebt, scheitern aber gewöhnlich am Kapitalismus, dem sie sich nicht als Kassenfüller erweisen, oder an der polizeilichen Zensur.

Diese Hindernisse bestehen nicht für eine geschlossene Gesellschaft. So ist es dem Verein „Freie Bühne“ gelungen, Dramen der angedeuteten Richtung zur Aufführung zu bringen. Da nun aber die Mitgliedschaft der „Freien Bühne‘. aus wirtschaftlichen Gründen dem Proletariat versagt ist, so scheint mir die Begründung einer „Freien Volks-Bühne“ wohl angebracht zu sein.

Diese Freie Volks-Bühne denkt sich der Unterzeichnete etwa folgendermaßen: Der Verein besteht aus einer leitenden Gruppe und aus seinen Mitgliedern. Die Leiter wählen die aufzuführenden Stücke sowie die Darsteller aus. Die Mitglieder erwerben durch einen Vierteljahresbeitrag den entsprechenden Theaterplatz für drei Vorstellungen. Jeden Monat, und zwar Sonntags, findet eine Vorstellung statt. Die Beiträge bezwecken nur, die Theatermiete und die Honorare für die Schauspieler zu decken. Sie werden SI} niedrig wie möglich bemessen; hoffentlich sind die billigen Plätze für 1,50 M. vierteljährlich (also für drei Vorstellungen!) zu erwerben.

Alle diejenigen, welche geneigt sind, Mitglieder einer solchen „Freien Volks-Bühne“ zu werden, sind gebeten, dem Unterzeichneten

1. ihren Namen nebst Adresse,

2. den Vierteljahresbeitrag, den sie leisten zu können glauben, auf
einer Postkarte (die natürlich auch eine Reihe von Mitgliedern enthalten kann) anzugeben.

Diese Angaben binden nicht, sondern haben nur den Zweck, festzustellen, auf wieviel Mitglieder die Begründer der „Freien Volks-Bühne“ ungefähr rechnen und wie niedrig sie also die Beiträge bemessen können. Läuft eine genügende Anzahl von Adressen ein, so ist ein Unternehmen gesichert, welches zur geistigen Hebung des Volkes etwas beitragen kann.

Das Ergebnis dieses Aufrufes ( den Zeitungen und Vereine doch recht verbreiten möchten) sowie genauere Vorschläge sollen demnächst veröffentlicht werden.“

Quelle: „Berliner Volksblatt“, 23. März 1890 ( Organ der hauptstädtischen Sozialdemokraten)

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