Die Flucht vor der Stadt von Wilhelm Bölsche 1904

Wilhelm Bölsche: Die Flucht vor der Stadt. 1904

Noch ist die echte Weltstadt für uns ein Phänomen. Und doch liegt sie schon im Archiv der Poesie. In drei scharfen Stimmungen, gleichsam auf dreierlei Platten, liegt sie dort.

Denken wir uns drei Stimmungsberichte über den bekannten Ausbruch des Mont Pelee auf Martinique. Drei sind möglich.

Den einen schreibt der Geflüchtete, endlich Gerettete. Er preist die lieblichen Landschaftsreize eines kleinen Inselchens, auf das er sich gerettet. Sein Auge, nicht mehr geblendet von der furchtbaren Flamme, die ihn verschlingen, ihm die Lunge ausbrennen wollte, aber noch gereizt zu einem förmlich wilden Starren, taucht plötzlich in Wunder dieser grünen Kontrastlandschaft, die er nie vorher geahnt hat. Mit brennender Liebe saugt er sich ein in den Anblick einer von Sonnenstreifen übergoldeten Palme, einer Wasserrose im stillen See. Ihm ist, als sei ihm heute erst die Natur in ihrer Heimlichkeit als neue Offenbarung aufgegangen. Er sieht nicht mehr nach der fahlen Röte da unten tief am Meereshorizont. Still versunken steht er vor seiner Palme, seiner Seerose. …

Der andere Bericht ist aufgezeichnet in einem Verzweiflungswinkel auf der Insel des Todes selbst. Asche fällt auf das Papier, die Hand bebt. Gleich wird er kommen, der Minotaurus, der uns verschlingt. Das letzte Rettungsschiff ist fort, ist verpaßt. Du mußt zurückbleiben, und du mußt sterben. Ohnmächtig ist dein Zorn, aber er ist noch das Letzte, was du hast. Dieser Satan da hinten, der Menschenglück frißt wie ein Ofen ein gleichgültiges Stück Zeitungspapier, Menschen, die Sehnsucht, Hoffnungen, Ideale hatten, den Gerechten wie den Schächer, alles, weil da unten in diesem sinnlosen alten Planeten eine Blähung sich angehäuft hatte. …

Und nun der dritte Bericht. Die Höllenflammen des Vulkans Iodern bis zum Zenit, ab und zu löst sich davon eine schwarze Wolke aus Asche und glühender Giftluft, die niedersinkt, eine ganze Stadt in ihr Leichentuch zu wickeln. Im vollen roten Lichte, aber auf offenem Plan steht ein Mann und schreibt in sein Notizbuch. Sein Blick geht bei jedem Aufschauen mit der Leidenschaft eines Verzückten frei in die Glut. Siewird ihn auch fressen. Was tut’s! Erist der Künstler, dem dieser Augenblick höchsten Schauens genügt, wie jener Nymphe, die Zeus einmal nur in ganzer Glorie schauen und dann gern sterben wollte. Wie unsagbar schön sind diese Garben roter und blauer Stichflammen, von denen jede genügt, ein St. Pierre mit 30000 Menschen in einer Sekunde zu vernichten!

In diesen drei Stimmungen kommt auch das Ungeheuer Weltstadt auf die Nachwelt. Schon heute ist es so festgelegt. Vielleicht gerade zeitig, denn vielleicht ist es selber in der Entwikkelung schon über seine Höhe hinaus. Wer weiß!

Die beiden ersten Stimmungen, der Flucht und der Verzweiflung, sind in der Poesie so alt wie die Vorläufer der modernen Großstadt selbst. [ …]

In Paris ist sie gekommen, der Weltstadt, die folgerichtig Rom abgelöst hat. London hat nichts dazu getan, Amerika nichts, obwohl sie zeitlich schon als Objekt nachkamen.

In Paris ist zuerst der Ruf aus tiefer Seele gekommen, aus der Seele von Malern und von Dichtern: Wie schön ist dieses wilde Bild der Großstadt in‘ seinen grellen Farben, seinen tollen Kontrasten, seinem absolut Neuen ungezählter Effekte! Der Künstler, der das sagte, fühlte sich selber riesengroß, er fühlte sich dem gewachsen, was da riesenhaft ragte. Er hatte den Mut, diesen ganzen wahnsinnigen Komplex von Masseneindrücken zu fassen als ein höheres -Stillleben.

So ist Paris zuerst von einer neuen Schule gesehen, gemalt, dichterisch beschrieben worden, als enorme Studie, als kühle Nachahmungsstudie zunächst vor dem neuen, merkwürdigen Objekt, als neue Stoffstudie.

In der Theorie ist das nachher, mit viel Verwirrung, eine Wurzel des Naturalismus geworden, der aus der provisorischen Stufe der Bewältigung eines riesigen neuen Stoffmaterials eine neue Kunststufe machen wollte, die nichts mehr weiter nötig hätte als solche Studien. Das ebbt heute wieder zurück in der Ästhetik.

Bezeichnend aber war für jene erste Künstlerschar, daß sie selber noch keine Dekadenten waren. Der große Zola z. B. hat allerlei kuriose Individualzüge, aber er ist in keinem Zuge selber Dekadent. Der Vulkan hatte diese Leute noch nicht vergiftet. Sie kamen aus der Provinz, fanden das Ungetüm eines Tages in ihrem Leben, und blieben gebannt, bewundernd davor stehen, um ihre Notizbücher zu füllen. [ …]

Irn Handumdrehen ist die Reihe der Bewunderer, der Eroberer einer Generation von Dekadenten gewichen. Sie stehen nicht mehr als freie Eroberer vor der Burg, sie liegen in den Kasematten und haben Sumpffieber. Auch diese Phase der Großstadtkunst wird der spätere Forscher als wertvolles Dokument besitzen.

Es ist nicht Großstadt, besehen durch Kunst, sondern Kunst, erobert, beherrscht, vergroßstädtischt durch die Großstadt. Ein dekadenter Kunsttypus taucht darin auf, der fortan hineingehört in das Großstadtbild, den ein neu auftauchender Künstler jener ersten Generation kühl mitskizzieren würde als Objekt im Ganzen, als eine bestimmte Schimmelfarbe, bestimmte Fratze, die aber ins Ganze paßt.

Der Vulkan Cotopaxi in Südamerika speit gelegentlich wie eigene Wurfbomben tote Fische aus, die er irgendwo erwischt und gesotten hat. So die Weltstadt jetzt Weltstadtdichter , die in ihr zuerst untergegangen sind und jetzt von ihr in die Welt gespieen werden wie eigene Fabrikate. Die echten poetischen Lungen sind ihnen ausgebrannt bis in die letzte Spitze, aber sie spielen noch immer den »erobernden« Künstler und preisen die Herrlichkeit der Großstadt, in Wahrheit nicht mehr als ihre kühl schauenden und von fern bewunderten Meister, sondern als ihre Kreaturen.

In diesem mathematisch starren, ewig wiederholten Verlauf liegt die Ursache für das, was immer wieder im Resultat gesehen und beklagt wird: daß wir der Weltstadt einen ungeheuren artistischen Anlauf mit naturalistischer Färbung verdanken, die Vorboten einer ganz neuen Kunstära, eine enorme Aufrüttelung aller Geister vor einem pompösen Stoffzuwachs- und dann doch nirgendwo ein wirklich großes, reifes Kunstwerk, sondern als Anhängsel, als trauriges jähes Schwanzstück, wo der Körper kommen sollte, ein Gewimmel markloser dekadenter Leistungen, in denen eine Reihe Generationen sich hoffnungslos abwirtschaften, bis sie sich selber zum Spott werden, nachdem sie auf den halbwegs Gesunden draußen schon längst wie ein Brechmittel gewirkt haben.

Indessen ist die Rolle der Weltstadt in der Kunst in dieser einen Linie ja noch keineswegs erschöpft. Sie ist die im Eingang schönste, aber nicht die dauerndste, verspricht viel und hält weit weniger – wenn schon wir jenen großen ersten Anstoß gewiß in der Kunstentwickelung nicht geringschätzen wollen als solchen. Es bleiben die beiden zuerst schon mit bezeichneten Linien.

Der Standpunkt des Zähneknirschens im Winkel scheint auf den ersten Anblick künstlerisch als der unfruchtbarste.

Trotzdem ist er es nicht.

Dieses große Zähneknirschen, das überall von der Weltstadt ausgeht, ist auf jedem Gebiet in unseren Tagen eine ungeheure Fortschrittsmacht geworden, sozial so gut wie künstlerisch; bloß der Weg ist vorerst vielfach dunkel, wohin das soll.

Bei jenen dekadenten, von der Großstadt wie die Cotopaxi-Fische schon wirklich gesottenen Elementen wird es zum öden, impotenten Pessimismus. Eine Schar soliderer Elemente aber rafft sich auf und baut schließlich Schutzwälle gegen den Vulkan. Mag sein, daß es die nüchternste Auslese ist. Aber man kann es doch auch besser ausdrücken.

Es ist die Partei, in der Ideale erwachen, glühende Träume eines Besseren, das kommen muß, die Dinge sind zu sehr auf der Spitze, es muß.

An dieser Stelle hat die Poesie gewaltige Anregung erhalten durch die sozialen Gärungen der Großstadt. [ …]

Hier ist ihr die Menschheitsstimmung an den Hals gestiegen eines Daseins zwischen Zuchthaus und Krankenhaus und Irrenhaus, das ganze Gellende des Schreies hat sie hier gehört: es muß ein Weg gefunden werden, ein Weg für den modernen Menschen, der aus diesem Spukbilde herausführt.

Ich liebe die Weltstadt nicht, und wenn ich ihre Rolle in der ästhetischen Kultur unserer Zeit ansehe, so frage ich, wie Taine einst vor der Französischen Revolution fragte: ob das Krokodil wirklich die Menschen wert war, die es täglich fressen mußte, um fett zu werden.

Und doch, wenn ich umgekehrt wieder von ganz abgeschlossener Kunst höre, die still aus ihrem Waldwinkel noch heute blühen will wie vor Zeiten, ohne je den Dunst der Weltstadt gesehen zu haben, so frage ich mich, ob auch das noch ohne schwere Einbuße geht.

Ist es nicht, in jenem dritten Sinne, die Schule der Großstadt, die uns da draußen die Augen erst recht geöffnet hat?

Der Bauer sitzt in der Fülle des Landschaftlichen, und doch sieht er durchweg sehr wenig. Der Städter hat im Kerker gesessen, aber er hat in anderem Zusammenhang sehen gelernt. Wenn er jetzt hinauskommt, ist es, als sei er hellsehend für die Landschaft.

Ich meine natürlich hier nicht den dekadent Gewordenen, meine nicht das wirkliche Opfer der Stadt. Aber für einen echten, unantastbaren Teil unserer Künstler ist dieWeltstadt eine entscheidende Durchgangsstation geworden zum besseren Wiederfinden erst ihres Heimatbodens da draußen.

Die Weltstadt ist ihnen keine Heimat, sie ist niemandes Heimat außer der Dekadenten. Aber eine Station ist sie der Heimatliebe für alle, eine Augen-Kuranstalt, die unsere Nerven schärft. So schenkt sie uns in der alten Heimat nachträglich eine neue.

Es ist ganz besonders in der deutschen Lyrik heute merkbar, was die Großstadt als Durchgangsstation vertieft hat in der Auffassung des Landschaftlichen. In diesem Sinne möchte man manchmal sagen: die Weltstadt ist einfach die neue Zeit, der große schmutzige Torbogen, durch den jeder einmal hindurch muß, um seine höhere Stufe zu finden. Das ist aber doch wohl wieder zu viel. Dafür brechen zu viele den Hals in diesem schwarzen Tor.

Oder ist auch das nur die »Auslese der Passendsten«, die selbst durch die Kunst geht?

W. Bölsche, Weltblick. Gedanken zu Natur und Kunst. Dresden 1904, S. 35-42; aus: Schütte/Sprengel, Die Berliner Moderne 1885-1914. Stuttgart 1987, S. 225-230 (gekürzt).

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Ein Kommentar

  1. The lead singer in this video looks pretty epic. Does he have a specific style in hair that i would need to get? or did he just grow it long? also , what kind of beanie is that on his head? http: http://www.youtube.com watch?v=PMD1k16baVE&feature=related

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