Die Ausgeschlossenen

Die Ausgeschlossenen – kurzes Gespräch

Lässt sich auch Ihr Buch als einfache Botschaft vermitteln?

Seid nicht selbstgerecht! Denkt nicht, wenn ihr Glück gehabt habt, weil ihr in Verhältnissen lebt, wo die Chancen sich kumulieren: Es steht mir zu! Gewinnt ein Gefühl dafür, dass man aus jeder sozialen Gruppe abrutschen kann. Und vor allem: Seid vorsichtig mit dem Satz, dass irgendjemand an seiner Lage selbst schuld ist.

Einige Soziologen unterscheiden die Statussucher von den Sinnsuchern. Könnte der Verzicht auf Status und der Weg nach Innen in Gefährdungslagen hilfreich sein?

Das denke ich nicht. Zurzeit arbeite ich an einer Untersuchung über den Begriff des Vertrauens. Wir unterscheiden Gruppen, die anhand verschiedener Vertrauensprofile verschiedene Bewältigungschancen von Krisen haben. Leute mit hohem Zukunftsvertrauen denken beispielsweise an ihre Alterssicherung. Leute mit geringem Zukunftsvertrauen sagen: „Es ist sowieso alles egal“ und neigen zu einem gefährlichen Gesamtfatalismus, mit dem ihre Exklusionsbedrohung wächst.

Sie schreiben, das „soziale Band“ würde zerreißen, wenn die Kommunikation mit den „Ausgeschlossenen“ abbricht. Kann man damit eine Erwartung verbinden?

Absolut. Eine der wirklichen Gefahren für eine Gesellschaft taucht auf, wenn immer mehr Leute das Gefühl haben: Von meiner Lebenswirklichkeit weiß niemand was und will auch niemand was wissen. Im Grunde möchte ich mit dem Buch das Gespräch wieder in Gang setzen. Denn wir brauchen kein neues Programm und keine neue Partei, sondern wir müssen uns wechselseitig erzählen, wie unsere Wirklichkeit aussieht. Das brauchen wir, um nicht in einem uns selbst fremd gewordenen Land zu leben.

Auszug aus einem Gespräch, das Angelika Brauer mit dem Autor führte.

Heinz Bude, 1954 in Wuppertal geboren, ist Soziologe und lehrt an der Universität Kassel. Sein Buch „Die Ausgeschlossenen“ ist bei Hanser erschienen (140 S., 14,90 Euro).

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12.03.2008)

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Heike Friauf

     /  14. März 2008

    Der Soziologe beschreibt richtig die große Gefahr der De-Sozialisierung für immer mehr Menschen, doch sein Lösungsansatz geht an der Realität der bereits und der zukünftig Ausgeschlossenen vorbei. Deren Lage verbessert sich nicht, wenn man mit ihnen „redet“ oder sie netterweise selbst zu Wort kommen läßt, falls sie in ihrem Gefühl von Abgehängtsein überhaupt noch das Wort ergreifen. (Denn die Lage ist für immer mehr Menschen in Deutschland ernster, als Herrn Bude klar zu sein scheint.) „Leute mit geringem Zukunftsvertrauen“ sind womöglich nicht übertrieben pessimistisch und verbauen sich durch ihren Pessimismus ihre Zukunft, sondern sie sind realistisch und sehen und fühlen, daß die Zukunft für andere gemacht wird, nicht für sie. Politisch, ökonomisch und sozial verursachte Probleme lösen sich nicht durch das Darüberreden, sondern mit politischen, ökonomischen und sozialen Mitteln. Diese Buchveröffentlichung gehört in das erstarkende Feld der Anti-Aufklärung.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: