Nicht genügend Radau in der Literatur

… gegen diesen Teufelstanz nicht genügend Radau

[…] Ausgerechnet in einer Zeit, wo das Kapital alle Fasson verliert, wo es auf seinen Fluchtwegen durch die Welt alles niedertrampelt, was ihm in den Weg kommt, wo es so tolldreist wird, dass es sich selbst vernichtet, wo es die Regeln des menschlichen Anstands abwirft und moralisch in jeder beliebigen Gosse landet, ausgerechnet in dieser bedenklichen Phase der Welt- und Geldgeschichte scheint die Literatur die kleineren Pillen zu drehen.

Wo man hinsieht die kleinen gedrechselten Geschichten, der eigentümliche Voyeurismus, die nippernäppischen Eitelkeiten einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr erkennen will. Eine Verallgemeinerung, gewiss, eine unzulässige vielleicht, ich weiß es, aber in ihrer Zugespitztheit deshalb so treffend, weil die bürgerliche Gesellschaft gerade ein ganzes Zeitalter verspielt und die großen Autoren gegen diesen Teufelstanz nicht genügend Radau machen.

Einzelne Bücher, etwa Martin Walsers Roman »Angstblüte«; Ernst Wilhelm Händlers hintersinniger Text »Wenn wir sterben« oder des Amerikaners Tom Wolfe »Fegefeuer der Eitelkeiten«, ein Roman über die Wallstreet, trösten nicht über die weithin beschaulichen, trostlos-turbulenten und vielfach fein angepassten Fiktionen hinweg, die in der Literatur angeboten werden, wo in den Kellern vergewaltigt, in den Dachkammern beigeschlafen wird, wo man aber nicht merkt, dass das ganze Haus brennt, und wo die jungen Bestsellerautoren es sich zugute halten, dass ihre Literatur eine Botschaft gar nicht enthalten solle.

In einer seiner nachgelassenen Erzählungen hat Wolfgang Borchert einmal über das Credo des Schriftstellers nachgedacht. Er müsse posaunen, bis ihm die Lungen platzen, schrieb er, wenn sein Haus in Gefahr ist. In unserer politisch und sozial hochnotpeinlichen Zeit, im Wust gesellschaftlicher und sittlicher Verwerfungen, in einer Gesellschaft, die immer weiter vom Geld lädiert wird, brauchen wir die demaskierenden Gesellschaftsbilder der Literatur, und sei es, dass man sie mit dem Löffel-stiel in die Wände ritzt. Sonst werden wir ein Volk der Vergesslichkeit, dem man am Ende noch einredet, dass man Geld auch essen kann.

Ohnehin ist ja an vielen Punkten, wo man literarische Aufklärung erwartet, ein eigentümliches Zaudern wahrzunehmen, eine von Opportunismus überlagerte Richtungslosigkeit in der Betrachtung der Welt, die sich schnell zum Diener der Mächtigen machen lässt. […]

Aus: E. Faber: Die Mysterien der Vergesslichkeit. Neues Deutschland vom 15.03.2008

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