GUSTAV LANDAUER Selbstmord der Jugend (1911, gekürzt)


 

Not der Armen, Entbehrung, Hunger, Obdachlosigkeit –  nichts in unserer Zeit, in unserem Volke ist so schlimm und fürchterlich wie die Knaben- und Jünglingsselbstmorde, deren immer mehr werden. Daß junge Menschen dank den kirchlich moralistischen Anschauungen der Eltern, der Erzieher, der ganzen Umgebung und dem muffig-verlogenen Dunst, in den schöne und natürliche Dinge gehüllt werden, mit ihrem stark einsetzenden Geschlechtstrieb nichts anderes anzufangen wissen, als bei bezahlten Dirnen zu liegen, daß sie sich dort die Syphilis holen und voller Verzweiflung über Krankheit und vermeintliche Sünde in den Tod gehen, ist düster schlimm, aber noch nicht das Schlimmste. Daß manche auch ohne solche Erkrankung des Blutes von den sexuellen Erlebnissen, auf Grund von Vererbung oder Angewöhnung, so krank oder schwach werden, daß sie das Leben nicht mehr ertragen, auch das ist nicht das Ärgste. Das Grauenhafteste ist, daß mehr und mehr Knaben, Gymnasiasten, sich zum Selbstmord entschließen, nicht infolge einer individuellen körperlichen oder seelischen Erkrankung, nicht weil sie zurückgeblieben und den Anforderungen der Schule nicht gewachsen sind, sondern weil sie im Gegenteil zu begabt, zu persönlich, zu eigen sind. (mehr …)

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