Das Trauerspiel von Afghanistan (1859)

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all',
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So lasst sie's hören, dass wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!"

Da huben sie an und sie wurden's nicht müd',
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

"Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan."

Theodor Fontane (1859)

Von der Dummheit und von der Wahl

Von der Dummheit und von der Wahl

von Gustav Landauer (1912)

Schnee liegt über Feld und Wald. Der Boden ist zu Stein gefroren. Finken, Hänflinge, Lerchen kommen in die Dörfer und Städte und suchen da die Nahrung bei den Menschen, die ihnen die Natur verweigert. Viele verhungern und erfrieren; einige, die sonst zu Grunde gegangen wären, bleiben am Leben, weil die Menschen mit Absicht oder zufällig ihnen den Tisch decken.

Es ist nicht auszudenken, wäre eine unsinnige Phantasie, sich eine Lerche vorzustellen, die den andern Vögeln predigte: so sei es immer gewesen, aber es müsse nicht so bleiben; wenn sich alle Vögel zusammentäten, könnten sie im Herbst Vorräte aufstapeln, könnten auch mit ihrem Gefieder den Schnee wegschaufeln usw. Der Verstand, die Erinnerung und Abstraktion dieser Tiere ist nicht so beschaffen, daß derlei je zu erwarten wäre.

Was dagegen die Menschen angeht, so ist ihr ganzes Leben auf Verkehr, Meinungsaustausch, Erinnerung der Generationen und Erfahrung, Überlegung und Vorsorge gestellt.

Was aber machen die Menschen für einen Gebrauch von ihren besonderen Eigenschaften, Gaben und Möglichkeiten?

Zum Teil ohne Zweifel den richtigen: sie kleiden sich warm, haben Häuser gebaut und heizen den Ofen gegen die Kälte, sie sorgen für ihre und ihrer Angehörigen Ernährung, sie machen einander Mitteilungen über Gefahren, die drohen, sie überliefern sich von Geschlecht zu Geschlecht nützliche Kenntnisse.

Aber zum andern Teil machen sie von ihrer besonderen Natur, die Verstand heißt, den sehr unzulänglichen und sehr verkehrten Gebrauch.weiter…

Die Menschen unterscheiden sich nämlich von solchen Tieren, wie wir sie genannt haben,’nicht nur durch den Verstand, sondern ebensosehr durch die Kehrseite des Verstandes: die Dummheit und deren traditionelles Weiterleben. Keineswegs ist die Dummheit bloß Abwesenheit von Verstand, bloß etwas Nichtvorhandenes, Negatives. Es ist darum auch falsch, Tiere dumm zu nennen, weil ihnen der Menschenverstand fehlt. Es gibt, bildlich gesprochen, im Kopf des Menschen keine leere Stelle; das soll heißen, kein Mensch leidet an Abwesenheit des Verstandes, der nicht dafür etwas anderes hätte: manche haben eine Art Instinkt, die meisten aber ganz positive, veritable Dummheit.

So wie sich die Ergebnisse der menschlichen Überlegung, Berechnung, Fürsorge durch Tradition weiter vererben, genau so hat die Menschheit ihre Einrichtungen traditioneller Dummheit.

Daß die Menschen Zustände haben, auf Grund deren Tausende ihrer Brüder in der glasharten Kälte ohne Obdach, ohne Arbeitslust oder äußere Arbeitsmöglichkeit, ohne rechte Nahrung sind, kommt von einer seit Jahrhunderten weiter vererbten und gesteigerten Dummheit; die Dummheit springt noch mehr in die Augen, wenn man die Wohltätigkeitsveranstaltungen sieht, die diesen Schrecknissen entgegengesetzt werden: die Blumentage im Sommer, die Wohltätigkeitsfeste und Bazare der vornehmen Gesellschaft im Winter, und die albern grausamen Ergebnisse dieser kindischen Bemühungen: die Asyle für Obdachlose, die Wärmehallen, die Zuchthäuser und die allerneueste Mißgeburt, die vom grünen Tische gefallen ist: der Arbeitszwang. Unter Menschen, die, wenn’s ginge, gar keine Liebe und gar keine Scham und gar kein Gefühl der Selbstachtung hätten, bloß unter Menschen mit Verstand bestünde in ihrervorn Verstand geleiteten Gesellschaft ein durchaus natürlicher Zwang zur Arbeit, der, wie jedes Stück Natur seine äußere und seine innere Seite hat: die Notwendigkeit zum Mittel der Arbeit zu greifen, um den Zweck des Lebensunterhalts zu erreichen, von außen; und die dem gesunden Organismus eingeborene Lust zur Betätigung und zum Fertigmachen von innen, von wo aus die Arbeit doch wieder kein bloßes Mittel, sondern ein Zweck ist. Hier ist übrigens der Augenblick zu merken, daß es eine bloße Verstandesgesellschaft natürlich nicht geben kann. Wo wirklicher gesunder Verstand ist, da ist auch gesunde Lust; und wo Lust ist, da sucht Kind wie Frau wie Mann sich Genossen der Lust, und wo Gleiche im Ausdruck des Gleichen geeint sind, da stellt sich die Erkenntnis der Gleichheit in aller Verschiedenheit und Getrenntheit ein, die Liebe heißt. Zum rechten Verstand gehört die rechte Liebe, wie die Bosheit sich neben der Dummheit spreizt.

Unter gesund entwickelten Menschen sieht die Fürsorge, die Ordnung, die Gemeinschaft immer so aus, daß außen eine Not ist, der von innen her die Lust antwortet und entspricht und daß diese Lust die Einrichtungen der Liebe und der Gemeinde schafft. Darum ist es in dieser wunderlich-schönen Welt so bestellt, daß gar nichts ein bloßes Mittel ist: was immer geschieht, aus Lust wird es getan, und in einer Wirtschaft solcher Menschen wird jedes Gefäß zum Kunstwerk, weil es nicht bloß geschaffen ist, um ein drängendes Bedürfnis zu befriedigen, sondern weil die Arbeitsfreude sich in jedem Gegenstand selbst darstellt und um jeden Gegenstand spielt. In solcher Wirtschaft und Gesellschaft sind Arbeit, Spiel und Sport, sind Gebrauchsgegenstand, Ornament und Arabeske immer beisammen, immer und in den verschiedensten Graden bereit, in einander umzuschlagen.weiter…

Auch in solcher Gesellschaft, wo die Arbeit selbst von Lust und Liebe unzertrennlich ist, wird es Feste geben, wo man die Werkelsachen ruhen läßt und sich der Freude und Gemeinschaft rein um ihrer selbst willen hingibt, wo man Innigkeit und Herzensbedürfnis und Jubel und Überschwang nicht mehr mit nützlichem, sondern mit erfundenem Werk verbindet, wo die Arbeit zum Tanz, der Entwurf zum Himmelssturm, die Lust zur Seligkeit wird. Da habt ihr nun, ihr Menschen der lieblich duftenden Neuzeit, da habt ihr nun zum Beispiel euren Verkehr und habt zum Beispiel eure Eisenbahnministerien. Wie wenig aber habt ihr damit begonnen, habt ihr nur bisher daran gedacht, aus diesen Tatsachen alles zu schöpfen, was darin liegt. Ihr habt lauter Dinge, lauter Einrichtungen, lauter Erfindungen und Möglichkeiten, die nicht sind, was sie sind, die mehr nicht sind als sind. Ihr habt Eisenbahnen, habt Telegraphen, habt Zeitungen: aber habt ihr Volksfeste, habt ihr Menscheitsfeste, habt ihr auch nur auf dem lumpigen Papier eine wahre Versammlung wahrer Menschheit? In euren Erfindungen lebt die Menschheit; aber ihr habt sie darin eingeschlossen, weil ihr sie nicht in euren Herzen, in eurem Bedürfen, in eurer Fülle, weil ihr sie nicht in euren Gemeinden und Versammlungen habt.

Als von euren großartigen Erfindungen und Möglichkeiten noch gar nichts da war, in den verrufenen primitiven Zeiten, wo man zu Fuß ging und allenfalls ein Pferd vors Wägelchen spannte, da war all das lebendig, was ihr jetzt gefangen gesetzt habt. Eine einfache Landkirche, wohin die Bewohner etlicher Dörfer sich sonntags begaben, ein Marktplatz in einem Städtchen oder der Raum um eine Dorflinde haben mehr von Kunst und Religion und Menschheit gesehen, als ihr euch mit all euren Wundermaschinen schaffen könnt, ihr Esel, die ihr Gefangenenwärter und armselig Gefangene in einer Person seid. – Früher stellten die Männer das Werkzeug in die Ecke und nahmen die Waffe oder den Stock zur Hand und gingen zum Thing. Da berieten sie über bestimmte Dinge der Gemeinschaft, und all ihre überschüssige Arbeitslust strömte nun zusammen zu den öffentlichen Angelegenheiten. So traten die Dorfgemeinden und die Stadtgemeinden zusammen, so gaben die Beauftragten Rechenschaft, so wurden neue Beauftragte ernannt, so gab es heiße Köpfe und Streit und Wut und Einigkeit und Beschluß. Und das war eine freie, öffentliche Sache, und jeder stand seinen Mann und stand bieder und ehrenfest in seinen Stiefeln und dachte und wirkte fürs gemeine Ganze.

Heute! heute geht ihr, alle fünf Jahre einmal, zur Wahl! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedrucktem Namen hinein, klebt zu, daß keiner sehe, was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden.weiter…Und die Männer sind so gewählt, wie es der Mehrheit entspricht: ein Recht der Minderheit, sich nun von der Mehrheit zu trennen und, sei’s auch nur auf diesem wahnsinnig verkehrten Wege dessen, was ihr Wahl heißet, eigenes durchzusetzen, gibt’s nicht. weiter…Die Mehrheit geht alle fünf Jahre ins Klosett, um abzudanken; die Minderheit hat nicht einmal dieses Recht, sie hat gar keines. Der Telegraph, es ist so sonnenklar, hat die Bestimmung in sich, getrennte Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich während ihrer Entschließungen in Verbindung zu halten. Heute dient er dazu, daß die Menschen nach geschehener Lächerlichkeit erfahren, diese Lächerlichkeit sei mit den und den Ergebnissen in ganz Deutschland vor sich gegangen.

Und welche Aufregung, welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslose, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht, Wahlsieg, Triumph; es ist, wie wenn sich Affen in einem Zeughaus Ritterrüstungen über das braune Fell gezogen hätten.

Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?

Gustav Landauer 1912

(Quelle: Gustav Landauer. Auch die Vergangenheit hat Zukunft. Essays zum Anarchsimus. Hrsg. Siegbert Wolf. Sammlung Luchterhand, 1989)