ERNSTES WOLLEN. M.von Egidy (1899) PROGRAMMTEXT

Einführungswort.

Unser „ernstes Wollen“ gilt einem hohen Ziele. Es ist darauf gerichtet, das Erbe M. von Egidys rein zu erhalten. Wir erheben nicht den Anspruch, dieses Erbe allein zu verwalten, aber wir werden Sorge tragen, daß Egidys Wollen und Wirken nach keiner Richtung hin entstellt, daß es von keiner einseitigen Bestrebung mit Beschlag belegt wird. Nicht diese oder jene Seite der Persönlichkeit oder des Wirkens unseres heimgegangenen Führers soll besonders betont werden, den ganzen Egidy wollen wir vor Augen stellen.

Der Schrift, welche die Ganzheit Egidys, wenn auch noch nicht auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung, so doch am ausgeprägtesten zeigt, haben wir den Namen entlehnt. E r n s t e s W o l l e n auf allen Gebieten des Lebens zu wecken, werden wir bemüht sein. Keiner Sonderrichtung können wir uns anschließen, aber soweit es uns möglich ist, werden wir sie alle fördern, indem wir ihnen das g e m e i n s a m e Ziel unausgesetzt vor Augen rücken, das jede einzelne in ihrer Besonderheit nur zu leicht aus dem Auge verliert.

In welchem Sinne wir ferner das ausführen wollen, was wir den Versöhnungslesern in unserem Abschiedswort im Märzheft versprachen: die Gelegenheit zum Gedankenaustausch, das finden wir im „Ernsten Wollen“ von Egidy in so bezeichnender Weise ausgesprochen, daß wir am besten thun, wenn wir seine eigenen Worte hier folgen lassen:

Daß die Anschauungen nicht durchweg die gleichen sind, kann nur zur Vervollkommnung Aller beitragen. Wollen daher die Zeitungen ihren Beruf erfüllen, so dürfen sie k e i n e r Anschauung die Aussprache verwehren. Einzige Pflicht der Schriftleitung ist, daher zu sorgen, daß die Form unter allen Umständen die würdige bleibt. Nicht nach der Ansicht, die ich in einer Zeitung ausgesprochen finde, beurteile ich den Wert derselben, sondern nach der ehrlichen Überzeugung, die mir aus den einzelnen Ausführungen entgegenleuchtet, und nach dem Anstands-Bewußtsein, mit welchem sie vor ihre Leser tritt. So sollten die Zeitungen recht eigentlich der Tummelplatz, das heißt: jede Zeitung ein Tummelplatz verschiedener Meinungen werden; aber man sollte nicht immer mit geschlossenem Visier dort erscheinen. Gerade heute, wo noch erste so Wenige eine selbständige Meinung haben, ist es gut, wenn die Anderen erfahren, wer sich den Mut einer persönlichen Meinung erhalten oder wieder angeeignet. Dagegen sollte die öffentliche Meinung jeden fortweisen, der seine Feder in den gehässigen Schmutz des Spottes, niederen Schimpfens oder der Verdächtigung taucht; nur ein edler, aus vornehmer Gesinnung geborener Anstand gehört in die Schranken.“

In den sich selbst gebenden Grenzen soll „Ernstes Wollen“ ein solcher Tummelplatz sein. Wird der Raum dafür zu eng, unterstützen uns die Freunde, so wie wir es hoffen, dann werden wir „Ernstes Wollen“ zweimal monatlich erscheinen lassen. Wir legen es in unserer Freunde Hände, sie müssen wollen.

Einige der bisherigen Mitarbeiter der „Versöhnung“, wir nennen vor allem Dr. Mülberger, Dr. Below, H. Pudor, A. Matthes werden auch in Zukunft in treuer Arbeit mit uns verbunden bleiben und über wichtige Fragen und Vorkommnisse berichten. Andere Freunde haben uns ihre Mithilfe zugesagt. Alle werden ihr Bestes daran setzen, damit Das wird, was wir erstreben.

Im Großen die Einheit.

Im Nebensächlichen die Freiheit.

In allem aber die Liebe!

 

R. Deutsch. H. Driesmans.

 

 

Quelle: Ernstes Wollen. Monatsschrift. Herausgegeben von Mitarbeitern der früheren VERSÖHNUNG M. Von Egidys. Nr. 1, I. Jahrgang, Berlin, den 1. April 1899..


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