DER ARME TEUFEL. (1902) Redaktion: Albert Weidner – PROGRAMMTEXT

Des armen Teufels Woher und Wohin

 

Ein offener Briefwechsel zwischen Felix Hollaender und dem Herausgeber

 An Blättern ist kein Mangel; es soll sogar gute darunter geben. Jedenfalls findet so ziemlich jeder, der sich zu einer langweiligen Viertelstunde auf seine soziale, politische oder litterarische ‚Tendenz‘ besinnt, an der nächsten Straßenecke – oder doch, wenn sein Fall ein schwieriger ist, in Postzeitungsliste sein Leiborgan. Wer’s bisher nicht fand, dem sei der arme Teufel empfohlen. Vielleicht finden sich beide als Gleichgesinnte. Wer zu lesen versteht, mag überdies des Armen Teufels Absichten leicht aus folgendem offenen Briefwechsel erkunden:

 Lieber Albert Weidner,

 durch Dich wissen ein paar Hundert Deutsche, daß einmal ein Mann gelebt hat, der aufrecht und kampffreudig für das, was er unter Freiheit begriff, bis zum letzten Atemzug seine Kraft eingesetzt hat.*)

 Er war ein armer Teufel, der sich mit der Sorge redlich herumgeschlagen und trotz seiner Wurzelhaftigkeit und seines tiefen Heimatgefühls nach Amerika auswandern mußte. Hier wurde er seßhaft und gründete ein Blatt, das er den armen Teufel nannte.

 Dieser Mann hieß Robert Reitzel, wurde am 27. Januar 1849 geboren und starb 30. März 1898. Wie der arme Heinrich hat auch er alle Leiden der Matratzengruft durchkostet und gegen das Schicksal sich gewehrt, das ihn im kernigsten Mannesalter niederrang. Es war von einer Sprachgewalt, die etwas Lutherisches hatte, und von einer wundervollen Kühnheit, die nur aus einem reinen Herzen fließen kann. Er war ein Journalist von altem germanischen Schlage. Das heißt: er war ein Dichter.

Alle armen Teufel schlürften begierig den Trunk, den er ihnen allwöchentlich verabreichte. Und fern von der Heimat wurde ihnen Robert Reitzel ein Labsal und sein Blatt eine lebendige Erinnerung an die deutsche Scholle, der sie entsprossen waren.

 Die armen Teufel sind nicht nur drüben in Amerika. Und wenn Du, Albert Weidner, selbst ein armer Teufel und von jener unendlichen Hoffnungsfreudigkeit, die zur innersten Seele des Deutschen gehört, für Robert Reitzel ein Denkmal aufrichten wolltest, – du hättest es nicht besser thun können. Für Dich ist es keine Sache des leeren Zufalls, wenn Du Dein Blatt auf jenen Namen taufts. Die Du zu Gaste geladen, können davon Zeugnis ablegen. Tritt frohen Muths in Deine Offizin, lustig genug mag sie aussehen, greif in den alten Setzerkasten, um Dein Blatt, das unser aller Blatt werden soll – vom ersten bis zum letzten Buchstaben selber zu setzen! Die Leute mögen es wissen! Wozu ein Hehl daraus machen, daß die armen Teufel arme Luder sind und keine Groschen übrig haben! Wie schrieb doch einmal Reitzel: „Ich bin ein armer Teufel. Die Dümmsten der Dummen haben es noch für einen Witz gehalten, mir meinen selbstgewählten Titel an den Kopf zu werfen.“

 Es wird darauf ankommen, so viel Teufeleien auszuhecken, daß die Gerechten im Lande wieder einmal Zeter und Mordio schreien.

Sieh zu, daß der Handel glücklich anfängt und nicht kläglich endet.

Wir werden an den Schläfen grau. Und von Enttäuschung zu Enttäuschung schreiten wir. Was thut’s? … Wir lassen uns auf kein Entsagen ein! Wir raffen allen unseren kämpferischen Mut zusammen. Wir schüren das Feuer und lassen es nicht verglimmen.

Ich drücke Dir die Hand und grüße dich

in alter Gesinnung

Felix Hollaender

*) Siehe „Sozialistische Monatshefte“ Juniheft 1901.

 

Lieber Felix Hollaender,

 wie wär’s, wenn der arme Teufel da einsetzte, wo Deines Thomas Truck Lehr- und Wanderjahre ausgehen! Wenn wir der Freiheit die Nachtmütze abnähmen, die ihr von denen, welche ihren Namen am meisten herbeten, übers wilde Haar gezogen ward! Im Namen Robert Reitzels ist der arme Teufel gegründet, das heißt ihn zu einem Kämpfer weihen, der in unverdrossener Fehde gegen Knechtschaft und Philisterthum seine Klinge leichten Handgelenks nach rechts und links zu führen weiß. Es thut wieder einmal not: über dem Sumpf, in den das deutsche Geistesleben geriet nach der letzten sozialrevolutionären Epoche unserer Litteratur, deren Glanzzeit ebenso wie das letzte Fiasko des revolutionären Sozialismus, die famose Farce des ersten Arbeiter-Maifeiertages, mehr als zehn Jahre zurückliegt, macht sich hie und da ein frisches Lüftchen bemerkbar. Versuchen wir – und alle, so Herz und Mund auf dem rechten Fleck haben, sind geladen – es tüchtig anzublasen. In diesem Sinne sei’s gewagt!

 Dein A.W.

 

Quelle. Der armer Teufel. Friedrichshagen-Berlin, H.1, Jg. I(1902) S. 1-2

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