VERSÖHNUNG. Monatsschrift. M.von Egidy. (1896) PROGRAMMTEXT

V e r s ö h n u n g heißt nicht Uebertünchung der Gebrechen unserer Zeit; nicht Verschleierung der Mißstände, die unser heutiges System zeitigt; nicht Vertuschung der Verfehlungen Einzelner; nicht Beschönigung der Unthaten Gewaltiger; nicht erklügelte Ueberbrückung von Gegensätzen, nicht ein unnatürlicher Ausgleich nothwendiger Verschiedenheiten; nicht, nirgends, auf keinem Gebiet und bei keiner Gelegenheit ein Pakt mit dem Unvollkommneren, sobald eine vollkommnere Erkenntniß uns beherrscht; kein Friede mit dem Uebel; keine Nachgiebigkeit (Konzession) gegenüber der Halbheit, der Unduldsamkeit, der Herrschsucht, der Regierwuth, dem Führerdünkel. Der Ungesittung, dem Vorurtheil; kein Zugeständnis gegenüber der Tyrannei eines Dogmas, auf welchem Gebiet immer es sein Entwicklung feindliches Unwesen zur Geltung bringen will: Konfession, Moral, Gesundheitslehre, Volkswirtschaft, Wissenschaft, Kunst.

 

Versöhnung heißt allerdings auch nicht: unausgesetztes Herabwürdigen der nun ein Mal noch vorhandenen, darum mit Würde zu ertragenden Gebrechen der Gegenwart; heißt nicht: verständnisloses Verurtheilen Derer, die noch nicht auf dem vorgeschrittneren Entwicklungsstandpunkt stehen und dem gemäß allerhand Verfehlungen begehen; heißt nicht: einseitiges oder gar selbstüberhebendes Vertreten nur des eigenen Standpunktes; heißt nicht: Blindheit gegenüber dem Werth Anderer.

 

Versöhnung heißt: Erkenntniß, daß wir Deutschen ein zusammengehöriges Volk, und daß die Kulturvölker eine zusammengehörige Kulturwelt bilden. Versöhnung heißt: klar, thatentschlossen, rückhaltlos, gradlinig, muthig jede – j e d e – Folgerung ziehen, die sich aus dieser Erkenntniß ergiebt. Versöhnung heißt: Verständigung unter Denen, die ehrlich dem Volksganzen dienen, und aus dieser Verständigung heraus Verwirklichung unserer vollkommneren Erkenntniß. Wer da fühlt, welcher Ernst, welcher Wille, welche Kraft, welche Klarheit sich mit dem so gefaßten Begriff verbindet, der wird in diesem Gedanken die siegende Macht begrüßen, die den ersehnen Wandel in sich birgt.

Darum: „Versöhnung“ das Banner, unter dem wir treu unsere Pflicht thun wollen; jeder auf seinem Posten.

Liebe ist Kraft.

Quelle: VERSÖHNUNG. Heft 1, Juli 1896, S. 1.

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