FREIE BÜHNE FÜR MODERNES LEBEN. (1890) Redaktion: Otto Brahm/Wilhelm Bölsche – PROGRAMMTEXT

ZUM BEGINN  (1890)

Eine freie Bühne für das moderne Leben schlagen wir auf.
Im Mittelpunkt unserer Bestrebungen soll die Kunst stehen; die neue Kunst, die die Wirklichkeit anschaut und das gegenwärtige Dasein.
Einst gab es eine Kunst, die vor dem Tage auswich, die nur im Dämmerschein der Vergangenheit Poesie suchte und mit scheuer Wirklichkeitsflucht zu jenen idealen Fernen strebte, wo in ewiger Jugend blüht, was sich nie und nirgends hat begeben. Die Kunst der Heutigen umfaßt mit klammernden Organen alles was lebt, Natur und Gesellschaft; darum knüpfen die engsten und die feinsten Wechselwirkungen moderne Kunst und modernes Leben an einander, und wer jene ergreifen will, muß streben, auch dieses zu durchdringen in seinen tausend verfließenden Linien, seinen sich kreuzenden und bekämpfenden Daseinstrieben.
Der Bannerspruch der neuen Kunst, mit goldenen Lettern von den führenden Geistern aufgezeichnet, ist das eine Wort: Wahrheit; und Wahrheit, Wahrheit auf jedem Lebenspfade ist es, die auch wir erstreben und fordern. Nicht die objective Wahrheit, die dem Kämpfenden entgeht, sondern die individuelle Wahrheit, welche aus der innersten Ueberzeugung frei geschöpft ist und frei ausgesprochen: die Wahrheit des unabhängigen Geistes, der nichts zu beschönigen und nichts zu vertuschen hat. Und der darum nur einen Gegner kennt, seinen Erbfeind und Todfeind: die Lüge in jeglicher Gestalt.weiter…
[S. 2:] Kein anderes Programm zeichnen wir in diese Blätter ein. Wir schwören auf keine Formel und wollen nicht wagen, was in ewiger Bewegung ist,
Leben und Kunst, an starren Zwang der Regel anzuketten. Dem Werdenden gilt unser Streben, und aufmerksamer richtet sich der Blick auf das, was kommen will, als auf jenes ewig Gestrige, das sich vermißt, in Conventionen und Satzungen unendliche Möglichkeiten der Menschheit, einmal für immer, festzuhalten. Wir neigen uns in Ehrfurcht vor allem Großen, was gewesene Epochen uns überliefert haben, aber nicht aus ihnen gewinnen wir uns Richtschnur und Normen des Daseins; denn nicht, wer den Anschauungen einer versunkenen Welt sich zu eigen giebt, — nur wer die Forderungen der gegenwärtigen Stunde im Innern frei empfindet, wird die bewegenden geistigen Mächte der Zeit durchdringen, als ein moderner Mensch.
Der in kriegerischen Tagen das Ohr zur Erde neigt, vernimmt den Schall des Kommenden, noch Ungeschauten; und so, mit offenen Sinnen wollen auch wir, inmitten einer Zeit voll Schaffensdrang und Werdelust, dem geheimnißvoll Künf – tigen lauschen, dem stürmend Neuen in all seiner gährenden Regellosigkeit. Kein Schlagbaum der Theorie, kein heiliggesprochenes Muster der Vergangenheit hemme die Unendlichkeit der Ent-„-ickelung, in welcher das Wesen unseres Geschlechtes ruht.
Wo das Neue mit freudigem Zuruf begrüßt wird, muß dem Alten Fehde angesagt werden, mit allen Waffen des Geistes. Nicht das Alte, welches lebt, nicht die großen Führer der Menschheit sind uns die Feinde; aber das tollte Alte, die erstarrte Regel und die abgelebte Kritik, die mit angelernter Buchstabenweisheit dem Werdenden sich entgegenstemmt — sie sind es, denen unser Kampfruf gilt. Die Sache meinen wir, nicht die Personen; aber wo immer der Gegensatz der Anschauungen die Jungen aufruft gegen die Alten, wo wir die Sache nicht treffen können, ohne die Person zu treffen, wollen wir mit freiem Sinn, der ersessenen Autorität nicht unterthan, für die Forderungen unserer Generation streiten. Und weil denn diese Blätter dem Lebenden sich geben, dem was wird und vorwärtsschreitet zu unbekannten Zielen, wollen wir streben, zumeist die Jugend um uns zu versammeln, die frischen, unverbrauchten Begabungen; nur die geblähte Talentlosigkeit bleibe uns fern, die mit lärmenden Uebertreibungen eine gute Sache zu entstellen droht: denn gegen die kläglichen Mitläufer der neuen Kunst, gegen die Marodeure ihrer Erfolge sind wir zum Kampfe so gut gerüstet, wie gegen blind eifernde Widersacher.
Die moderne Kunst, wo sie ihre lebensvollsten Triebe ansetzt, hat auf dem Boden des Naturalismus Wurzel geschlagen. Sie hat, einem tiefinnern Zuge dieser Zeit gehorchend, sich auf die Erkenntniß der natürlichen Daseinsmächte gerichtet und zeigt uns mit rücksichtslosem Wahrheitstriebe die Welt wie sie ist. Dem Naturalismus Freund, wollen wir eine gute Strecke Weges mit ihm schreiten, allein es soll uns nicht erstaunen, wenn im Verlauf der Wanderschaft, an einem Punkt, den wir heute noch nicht überschauen, die Straße plötzlich sich biegt und überraschende neue Blicke in Kunst und Leben sich aufthun. Denn an keine Formel, auch an die jüngste nicht, ist die unendliche Entwickelung menschlicher Cultur gebunden; und in dieser Zuversicht, im Glauben an das ewig Werdende, haben wir eine freie Bühne aufgeschlagen, für das moderne Leben.

»ZUM BEGINN« (1890) Aus: >Freie Bühne für modernes Leben, Jg 1, 1890, H. 1, 5.1-2.

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DER SOZIALIST. ORGAN FÜR SOZIALISMUS-ANARCHISMUS. (1895) Redaktion: Gustav Landauer – PROGRAMMTEXT

Gustav Landauer: Anarchismus - Sozialismus

‚Organ für Anarchismus-Sozialismus‘, so steht es an der Spitze unseres Blattes. Der Anarchismus ist vorangestellt als das Ziel, das erreicht werden soll: die Herrschaftslosigkeit, die Staatslosigkeit, das freie Ausleben der einzelnen Individuen. Und dann wird angegeben, durch welches Mittel wir diese Freiheit der Menschen erreichen und sicherstellen wollen: durch den Sozialismus, durch das solidarische Zusammenhalten der Menschen in allem, was ihnen gemeinsam ist, und durch die genossenschaftliche Arbeit.

 

Man könnte einwenden, wenn der Anarchismus unser Ziel, der Sozialismus das Mittel, es zu ermöglichen, sei, so sei das eine ganz verkehrte Welt; denn An-Archie sei etwas Negatives, die Abwesenheit bestimmter Herrschaftseinrichtungen, während der Sozialismus eine positive Gesellschaftsform darstelle; gemeiniglich aber sei das Positive das Ziel, auf das man losgehe, das Negative, die Zertrümmerung der entgegenstehenden Hindernisse, sei der Weg zur Erreichung jenes Positiven.

 

Man vergisst bei diesem Einwand, daß Anarchie nicht allein die leere Freiheit bedeutet, sondern daß unsere Vorstellung vom freien Leben und Wirken mit gar vielem und reichem positiven Gehalt erfüllt ist. Uns soll in der Tat die möglichst zweckmäßige, unter gleichen Bedingungen vor sich gehende Arbeit nur das Mittel sein, unsere reichen natürlichen Kräfte entfalten und weiterentwickeln zu können, auf unsere Mitmenschen, die Natur und die Kultur einzuwirken und den gesellschaftlichen Reichtum nach Kräften zu genießen.

 

Diese wenigen Worte schon sagen jedem, der nicht von den Parteidogmen befangen gemacht worden ist, daß Anarchismus und Sozialismus nicht im geringsten Gegensätze sind, sondern vielmehr sich gegenseitig bedingen. Wahre genossenschaftliche Arbeit, wahre Gemeinsamkeit kann es nur in der Freiheit geben; und Freiheit der Personen hinwiederum ist nicht möglich, wenn nicht die Lebensbedürfnisse durch brüderliches Zusammenhalten hergestellt werden. Trotzdem ist es immer und immer wieder notwendig, sich der unwahren Behauptungen der Sozialdemokratie zu erwehren, Sozialismus und Anarchismus ständen sich feindlich gegenüber »wie Feuer und Wasser«. (mehr …)

DER ARME TEUFEL. (1902) Redaktion: Albert Weidner – PROGRAMMTEXT

Des armen Teufels Woher und Wohin

 

Ein offener Briefwechsel zwischen Felix Hollaender und dem Herausgeber

 An Blättern ist kein Mangel; es soll sogar gute darunter geben. Jedenfalls findet so ziemlich jeder, der sich zu einer langweiligen Viertelstunde auf seine soziale, politische oder litterarische ‚Tendenz‘ besinnt, an der nächsten Straßenecke – oder doch, wenn sein Fall ein schwieriger ist, in Postzeitungsliste sein Leiborgan. Wer’s bisher nicht fand, dem sei der arme Teufel empfohlen. Vielleicht finden sich beide als Gleichgesinnte. Wer zu lesen versteht, mag überdies des Armen Teufels Absichten leicht aus folgendem offenen Briefwechsel erkunden:

 Lieber Albert Weidner,

 durch Dich wissen ein paar Hundert Deutsche, daß einmal ein Mann gelebt hat, der aufrecht und kampffreudig für das, was er unter Freiheit begriff, bis zum letzten Atemzug seine Kraft eingesetzt hat.*)

 Er war ein armer Teufel, der sich mit der Sorge redlich herumgeschlagen und trotz seiner Wurzelhaftigkeit und seines tiefen Heimatgefühls nach Amerika auswandern mußte. Hier wurde er seßhaft und gründete ein Blatt, das er den armen Teufel nannte.

 Dieser Mann hieß Robert Reitzel, wurde am 27. Januar 1849 geboren und starb 30. März 1898. Wie der arme Heinrich hat auch er alle Leiden der Matratzengruft durchkostet und gegen das Schicksal sich gewehrt, das ihn im kernigsten Mannesalter niederrang. Es war von einer Sprachgewalt, die etwas Lutherisches hatte, und von einer wundervollen Kühnheit, die nur aus einem reinen Herzen fließen kann. Er war ein Journalist von altem germanischen Schlage. Das heißt: er war ein Dichter. (mehr …)

VERSÖHNUNG. Monatsschrift. M.von Egidy. (1896) PROGRAMMTEXT

V e r s ö h n u n g heißt nicht Uebertünchung der Gebrechen unserer Zeit; nicht Verschleierung der Mißstände, die unser heutiges System zeitigt; nicht Vertuschung der Verfehlungen Einzelner; nicht Beschönigung der Unthaten Gewaltiger; nicht erklügelte Ueberbrückung von Gegensätzen, nicht ein unnatürlicher Ausgleich nothwendiger Verschiedenheiten; nicht, nirgends, auf keinem Gebiet und bei keiner Gelegenheit ein Pakt mit dem Unvollkommneren, sobald eine vollkommnere Erkenntniß uns beherrscht; kein Friede mit dem Uebel; keine Nachgiebigkeit (Konzession) gegenüber der Halbheit, der Unduldsamkeit, der Herrschsucht, der Regierwuth, dem Führerdünkel. Der Ungesittung, dem Vorurtheil; kein Zugeständnis gegenüber der Tyrannei eines Dogmas, auf welchem Gebiet immer es sein Entwicklung feindliches Unwesen zur Geltung bringen will: Konfession, Moral, Gesundheitslehre, Volkswirtschaft, Wissenschaft, Kunst. (mehr …)

ERNSTES WOLLEN. M.von Egidy (1899) PROGRAMMTEXT

Einführungswort.

Unser „ernstes Wollen“ gilt einem hohen Ziele. Es ist darauf gerichtet, das Erbe M. von Egidys rein zu erhalten. Wir erheben nicht den Anspruch, dieses Erbe allein zu verwalten, aber wir werden Sorge tragen, daß Egidys Wollen und Wirken nach keiner Richtung hin entstellt, daß es von keiner einseitigen Bestrebung mit Beschlag belegt wird. Nicht diese oder jene Seite der Persönlichkeit oder des Wirkens unseres heimgegangenen Führers soll besonders betont werden, den ganzen Egidy wollen wir vor Augen stellen. (mehr …)

DER ARME KONRAD (1896) Redaktion: Albert Weidner – PROGRAMMTEXT

WAS WILL DER ARME KONRAD?

 

Als nun vor beinah vierhundert Jahren der Uebermut des Adels, der Besitzenden und Herrschenden dermaßen ins Ungeheure gewachsen war, daß der gemeine Mann, das schutz- und rechtlose Opfer ihrer unersättlichen Raubgier, über seine Lage nachzudenken und an der Notwendigkeit der – wie man ihm sagte – von Gott geordneten Zustände zu zweifeln begann, da erstand, einem kleinen, unscheinbaren Keim entwachsend, der „arme Konrad“,  jener gewaltige, so gehaßte und gefürchtete Bund der Unterdrückten, der unter der Maske losen Scherzes und harmlosen Spiels ein bitter-ernstes und erhabenes Ziel anstrebte.

Jahrhunderte sind seitdem verflossen.

Was den Anhängern jenes armen Konrad dunkel und von religiöser Schwärmerei und damaligen Anschauungen beeinflußt, als Ziel vorschwebte, eine in Freiheit und Glück lebende Menschheit, das ist auch dasjenige, dem dieses Blatt, „Der arme Konrad“, die Wege ebnen will, indem es ihm in den Köpfen der arbeitenden und doch besitzlosen Bevölkerung Eingang verschafft. (mehr …)

Das Trauerspiel von Afghanistan (1859)

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all',
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So lasst sie's hören, dass wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!"

Da huben sie an und sie wurden's nicht müd',
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

"Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan."

Theodor Fontane (1859)

Ausstellung

„Schaffen, was in mir ist“-  Frauen im

Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises.

Wer waren die Frauen, die in direktem oder vermitteltem Kontakt zum Dichterkreis standen?
Oft vergessen oder nicht wahrgenommen, werden sie nun in einer kleinen Ausstellung vorgestellt.

HEDWIG LACHMANN (1865-1918) war eine Dichterin und Übersetzerin, die an der Seite ihres Mannes Gustav Landauer, literarisch Bedeutendes geleistet hat.

FRIDA STRINDBERG, geb. Uhl (1872-1942), war die zweite Ehefrau des großen Schweden August Strindberg. Für den wurde die Ehe zum ‚Inferno‘, für sie war die Beziehung nach genügender Distanz lebenslang Stoff sentimentaler Erinnerung.

LAURA MARHOLM (1854-1928) war eine bedeutende Streiterin in der deutschen Frauenbewegung; ihre Essays scheinen heute noch modern und lesbar. Als Frau an der Seite Ola Hanssons – für kurze Zeit auch in Friedrichshagen – hat sie viel für die Etablierung moderner skandinavischer Literatur in Deutschland getan.

JULIE WOLFTHORN (1865-1944) hat als bedeutende Malerin einige der Dichterfreunde porträtiert.

DAGNY PRZYBYSZEWSKA (1867-1901) war neben ihrer schriftstellerischen Produktivität für ein paar Jahre die Ikone eines ‘fatalen’ Frauentyps, der für ein paar Jahre die Phantasie des subkulturellen Berlins beherrschte.

PAULA DEHMEL (1862-1918) hat Bedeutendes für die Kinderliteratur der Jahrhundertwende geleistet.

Die Ausstellung wird ab dem  24.4.2009 zu den üblichen Öffnungszeiten gezeigt.

Kulturhistorischer Verein Friedrichshagen e.V. in Zusammenarbeit mit Brunhilde e.V.

Als begleitende Publikation zur Ausstellung  haben wir ein Sonderheft unserer Zeitschrift  „Hinter der Weltstadt“ (Ausgabe 18, 48 S.) herausgegeben. Vier AutorInnen schildern  Leben und Leistung der sechs Frauen im Umfeld der Friedrichshagener. Die Aufsätze sind illustriert.

Vorankündigung – Ausstellung


„Schaffen, was in mir ist „–

Frauen im Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises

Eröffnung am 24.04.09 19:30Uhr

im Museum Friedrichshagener Dichterkreis

c/o Antiquariat Brandel

Die Ausstellung  thematisiert die Lebensläufe von 6 Frauen in unterschiedlichen Berufen: Laura Marholm, Dagny Juel (Przybyszewska), Julie Wolfthorn, Hedwig Lachmann, Paula Dehmel und Frida Strindberg.

Friedrichshagener Manifest 1891

Der „Verein Unabhängiger Sozialisten“ war der organisatorische Schlußpunkt des politischen Engagements von Intellektuellen – vor allem von „Friedrichshagenern“ – und Arbeitern, der das Ziel verfolgte, die politische Strategie der SPD von einer sozialreformerischen zu einer revolutionären Arbeiterpartei umzulenken. Als „Berliner Opposition“ oder auch „Die Jungen“ genannt, stritt sie innerhalb der SPD vor allem gegen die parlamentarische Arbeit der sogn. „Reichstagsfraktion“. Denn diese mache dem bürgerlichen Staat zuviel kompromißlerische Zugeständnisse, anstatt die Arbeiterschaft zum Umsturz des Systems zu führen. Die führenden Köpfe dieser Bewegung waren Bruno Wille, Hermann Teistler, Paul Ernst, Max Schippel, Paul Kampffmeyer. Ihre publizistische Plattform waren die „Berliner Volks-Tribüne“ (Max Schippel) und der ab November 1891 erscheinende „Sozialist“ (Gustav Landauer). 1891 aus der SPD gedrängt, bildeten sie den „Verein Unabhängiger Sozialisten“, der bis 1894 bestand.

Das politische Engagement der „Friedrichshagener“ wurde von Gustav Landauer sowie Wilhelm Spohr und Albert Weidner in der anarchistischen Bewegung weitergeführt. (rl)

Richtlinien (Manifest)

der Vereinigung Unabhängiger Sozialisten aus dem Jahre 1891

Wir oppositionell gesinnten Sozialisten wollen das ganze Proletariat zu einer Schlachtreihe gegenüber der Bourgeoisie vereinigen; jedoch bekämpfen wir jede erzwungene Zentralisation, welche die freie, eigene Bewegung bestimmter Arbeiterschichten lähmt.

Der Organisationskörper der politisch und wirtschaftlich organisierten Arbeiter muß unserer Ansicht nach nicht nur groß und umfangreich sein, er muß auch über starke selbsttätige Glieder verfügen; auf deren Entwicklung wollen wir besonders hinwirken.

In unserer Zeit, wo der Arbeiter Tag aus Tag ein von einer Kaserne in die andere wandert – von der Mietskaserne in die Arbeitskaserne -, erhält sein ganzes Leben einen einseitigen kasernenmäßigen Zuschnitt, der seine Individualität mehr und mehr verkümmert. Er trocknet gleichsam aus und verliert die Fähigkeit, neuen Eindrücken kritisch gegenüber zu treten.

Der Individualisierung der Arbeiter legen wir oppositionellen Sozialisten einen großen Wert bei. Wir wollen den Horizont des Arbeiters durch rege Diskussion über alle öffentlichen Fragen stetig erweitern. (mehr …)