Friedrichshagener Manifest 1891

Der „Verein Unabhängiger Sozialisten“ war der organisatorische Schlußpunkt des politischen Engagements von Intellektuellen – vor allem von „Friedrichshagenern“ – und Arbeitern, der das Ziel verfolgte, die politische Strategie der SPD von einer sozialreformerischen zu einer revolutionären Arbeiterpartei umzulenken. Als „Berliner Opposition“ oder auch „Die Jungen“ genannt, stritt sie innerhalb der SPD vor allem gegen die parlamentarische Arbeit der sogn. „Reichstagsfraktion“. Denn diese mache dem bürgerlichen Staat zuviel kompromißlerische Zugeständnisse, anstatt die Arbeiterschaft zum Umsturz des Systems zu führen. Die führenden Köpfe dieser Bewegung waren Bruno Wille, Hermann Teistler, Paul Ernst, Max Schippel, Paul Kampffmeyer. Ihre publizistische Plattform waren die „Berliner Volks-Tribüne“ (Max Schippel) und der ab November 1891 erscheinende „Sozialist“ (Gustav Landauer). 1891 aus der SPD gedrängt, bildeten sie den „Verein Unabhängiger Sozialisten“, der bis 1894 bestand.

Das politische Engagement der „Friedrichshagener“ wurde von Gustav Landauer sowie Wilhelm Spohr und Albert Weidner in der anarchistischen Bewegung weitergeführt. (rl)

Richtlinien (Manifest)

der Vereinigung Unabhängiger Sozialisten aus dem Jahre 1891

Wir oppositionell gesinnten Sozialisten wollen das ganze Proletariat zu einer Schlachtreihe gegenüber der Bourgeoisie vereinigen; jedoch bekämpfen wir jede erzwungene Zentralisation, welche die freie, eigene Bewegung bestimmter Arbeiterschichten lähmt.

Der Organisationskörper der politisch und wirtschaftlich organisierten Arbeiter muß unserer Ansicht nach nicht nur groß und umfangreich sein, er muß auch über starke selbsttätige Glieder verfügen; auf deren Entwicklung wollen wir besonders hinwirken.

In unserer Zeit, wo der Arbeiter Tag aus Tag ein von einer Kaserne in die andere wandert – von der Mietskaserne in die Arbeitskaserne -, erhält sein ganzes Leben einen einseitigen kasernenmäßigen Zuschnitt, der seine Individualität mehr und mehr verkümmert. Er trocknet gleichsam aus und verliert die Fähigkeit, neuen Eindrücken kritisch gegenüber zu treten.

Der Individualisierung der Arbeiter legen wir oppositionellen Sozialisten einen großen Wert bei. Wir wollen den Horizont des Arbeiters durch rege Diskussion über alle öffentlichen Fragen stetig erweitern. (mehr …)

Apokalypsen

Im Jahre 1888, also zu Zeiten des Sozialistengesetzes, schreibt der naturalistische Schriftsteller Conrad Alberti in einer der führenden naturalistischen Zeitschrift, der „Gesellschaft“, einen Aufsatz mit der Überschrift: „Die Bourgeoisie und die Kunst“. Es heißt:
„Künstler! Genossen! Ihr Alle oder sage ich Ihr Wenigen? (…) ihr, die ihr noch eine wahre und große Liebe hegt für die wahre und große Kunst (…) Ihr habt gesehen, der heutige Niedergang der Künste ist kein bloßer arger Zufall, er ist eine soziale Notwendigkeit, es liegt im Wesen der Bourgeoisie, daß sie AlIes korrumpiert, materialisiert und vergiftet, was in ihren Bereich gerät, und so auch die Kunst daß sie dieselbe systematisch untergraben, herabziehen, vernichten muß. Und das soll das Ende sein? Horch, welch Tosen und Donnern und Rollen. Der Erdboden schwankt, die Paläste stürzen, Feuerwolken schnauben einher und der Würgeengel geht über die Erde.
Ein riesiger Dämon mit rauch- und staubgeschwärztem, faltigem Antlitz, mit fürchterlichen Muskeln, mit eisernen Fäusten (mehr …)