GUSTAV LANDAUER Selbstmord der Jugend (1911, gekürzt)


 

Not der Armen, Entbehrung, Hunger, Obdachlosigkeit –  nichts in unserer Zeit, in unserem Volke ist so schlimm und fürchterlich wie die Knaben- und Jünglingsselbstmorde, deren immer mehr werden. Daß junge Menschen dank den kirchlich moralistischen Anschauungen der Eltern, der Erzieher, der ganzen Umgebung und dem muffig-verlogenen Dunst, in den schöne und natürliche Dinge gehüllt werden, mit ihrem stark einsetzenden Geschlechtstrieb nichts anderes anzufangen wissen, als bei bezahlten Dirnen zu liegen, daß sie sich dort die Syphilis holen und voller Verzweiflung über Krankheit und vermeintliche Sünde in den Tod gehen, ist düster schlimm, aber noch nicht das Schlimmste. Daß manche auch ohne solche Erkrankung des Blutes von den sexuellen Erlebnissen, auf Grund von Vererbung oder Angewöhnung, so krank oder schwach werden, daß sie das Leben nicht mehr ertragen, auch das ist nicht das Ärgste. Das Grauenhafteste ist, daß mehr und mehr Knaben, Gymnasiasten, sich zum Selbstmord entschließen, nicht infolge einer individuellen körperlichen oder seelischen Erkrankung, nicht weil sie zurückgeblieben und den Anforderungen der Schule nicht gewachsen sind, sondern weil sie im Gegenteil zu begabt, zu persönlich, zu eigen sind. Lies den vollständigen Beitrag »

Vorankündigung – Ausstellung


„Schaffen, was in mir ist „–

Frauen im Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises

Eröffnung am 24.04.09 19:30Uhr

im Museum Friedrichshagener Dichterkreis

c/o Antiquariat Brandel

Die Ausstellung  thematisiert die Lebensläufe von 6 Frauen in unterschiedlichen Berufen: Laura Marholm, Dagny Juel (Przybyszewska), Julie Wolfthorn, Hedwig Lachmann, Paula Dehmel und Frida Strindberg.

Nicht genügend Radau in der Literatur

… gegen diesen Teufelstanz nicht genügend Radau

[…] Ausgerechnet in einer Zeit, wo das Kapital alle Fasson verliert, wo es auf seinen Fluchtwegen durch die Welt alles niedertrampelt, was ihm in den Weg kommt, wo es so tolldreist wird, dass es sich selbst vernichtet, wo es die Regeln des menschlichen Anstands abwirft und moralisch in jeder beliebigen Gosse landet, ausgerechnet in dieser bedenklichen Phase der Welt- und Geldgeschichte scheint die Literatur die kleineren Pillen zu drehen.

Wo man hinsieht die kleinen gedrechselten Geschichten, der eigentümliche Voyeurismus, die nippernäppischen Eitelkeiten einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr erkennen will. Lies den vollständigen Beitrag »

Die Ausgeschlossenen

Die Ausgeschlossenen – kurzes Gespräch

Lässt sich auch Ihr Buch als einfache Botschaft vermitteln?

Seid nicht selbstgerecht! Denkt nicht, wenn ihr Glück gehabt habt, weil ihr in Verhältnissen lebt, wo die Chancen sich kumulieren: Es steht mir zu! Gewinnt ein Gefühl dafür, dass man aus jeder sozialen Gruppe abrutschen kann. Und vor allem: Seid vorsichtig mit dem Satz, dass irgendjemand an seiner Lage selbst schuld ist. Lies den vollständigen Beitrag »

Die Flucht vor der Stadt von Wilhelm Bölsche 1904

Wilhelm Bölsche: Die Flucht vor der Stadt. 1904

Noch ist die echte Weltstadt für uns ein Phänomen. Und doch liegt sie schon im Archiv der Poesie. In drei scharfen Stimmungen, gleichsam auf dreierlei Platten, liegt sie dort. Lies den vollständigen Beitrag »

Zehn Thesen zur literarischen Moderne (des Vereins ‚Durch!‘) 1888

ANONYM (EUGEN WOLFF) ZEHN THESEN zur literarischen Moderne (des Vereins `DURCH!‘) 1888

Die in Berlin bestehende freie literarische Vereinigung „Durch!“ bittet uns um Abdruck folgender Thesen:

Die unter dem Namen und Wahlspruch „Durch!“zusammengetretene freie literarische Vereinigung junger Dichter, Schriftsteller und Literaturfreunde hat keinerlei bindende Satzung; doch lassen sich die in diesem Kreise lebenden literarischen Anschauungen durch folgende Sätze versinnbildlichen, welche zugleich den Charakter aller moderner Dichtung darstellen:

1. Die deutsche Literatur ist gegenwärtig allen Anzeichen nach an einem Wendepunkt ihrer Entwickelung angelangt, von welchem sich der Blick auf eine eigenartige bedeutsame Epoche eröffnet. Lies den vollständigen Beitrag »

Gründungsaufruf Freie Volksbühne 1890

„Aufruf zur Gründung einer Freien Volks-Bühne“:

„Das Theater soll eine Quelle hohen Kunstgenusses, sittlicher Erhebung und kräftiger Anregung zum Nachdenken über die großen Zeitfragen sein.

Es ist aber größtenteils erniedrigt auf den Standpunkt der faden Salongeisterei und Unterhaltungsliteratur, des Kolportageromans, des Zirkus, des Witzblättchens. Die Bühne ist eben dem Kapitalismus unterworfen, und der Geschmack der Masse ist in allen Gesellschaftsklassen vorwiegend durch gewisse wirtschaftliche Zustände korrumpiert worden.

Indessen hat sich unter dem Einflusse redlich strebender Dichter, Journalisten und Redner ein Teil unseres Volkes von dieser Korruption befreit. Haben doch Dichter wie Tolstoi und Dostojewski, Zola, Ibsen und Kielland, sowie mehrere deutsche „Realisten“ in dem arbeitenden Volke Berlins einen Resonanzboden gefunden

Für diesen zu gutem Geschmack bekehrten Teil des Volkes ist es ein Bedürfnis, Theaterstücke seiner Wahl nicht bloß zu lesen, sondern auch aufgeführt zu sehen. Lies den vollständigen Beitrag »

Friedrichshagener Credo 1890

Zum Beginn

Eine freie Bühne für das moderne Leben schlagen wir auf. Im Mittelpunkt unserer Bestrebungen soll die Kunst stehen; die neue Kunst, die die Wirklichkeit anschaut und das gegenwärtige Dasein.

Einst gab es eine Kunst, die vor dem Tage auswich, die nur im Dämmerschein der Vergangenheit Poesie suchte und mit scheuer Wirklichkeitsflucht zu jenen idealen Fernen strebte, wo in ewiger Jugend blüht, was sich nie und nirgends hat begeben. Die Kunst der Heutigen umfaßt mit klammernden Organen alles was lebt, Natur und Gesellschaft; darum knüpfen die engsten und die feinsten Wechselwirkungen moderne Kunst und modernes Leben an einander, und wer jene ergreifen will, muß streben, auch dieses zu durchdringen in seinen tausend verfließenden Linien, seinen sich kreuzenden und bekämpfenden Daseinstrieben.

Der Bannerspruch der neuen Kunst, mit goldenen Lettern von den führenden Geistern aufgezeichnet, ist das eine Wort: Wahrheit; und Wahrheit, Wahrheit auf jedem Lebenspfade ist es, die auch wir erstreben und fordern. Lies den vollständigen Beitrag »

Friedrichshagener Manifest 1891

Der „Verein Unabhängiger Sozialisten“ war der organisatorische Schlußpunkt des politischen Engagements von Intellektuellen – vor allem von „Friedrichshagenern“ – und Arbeitern, der das Ziel verfolgte, die politische Strategie der SPD von einer sozialreformerischen zu einer revolutionären Arbeiterpartei umzulenken. Als „Berliner Opposition“ oder auch „Die Jungen“ genannt, stritt sie innerhalb der SPD vor allem gegen die parlamentarische Arbeit der sogn. „Reichstagsfraktion“. Denn diese mache dem bürgerlichen Staat zuviel kompromißlerische Zugeständnisse, anstatt die Arbeiterschaft zum Umsturz des Systems zu führen. Die führenden Köpfe dieser Bewegung waren Bruno Wille, Hermann Teistler, Paul Ernst, Max Schippel, Paul Kampffmeyer. Ihre publizistische Plattform waren die „Berliner Volks-Tribüne“ (Max Schippel) und der ab November 1891 erscheinende „Sozialist“ (Gustav Landauer). 1891 aus der SPD gedrängt, bildeten sie den „Verein Unabhängiger Sozialisten“, der bis 1894 bestand.

Das politische Engagement der „Friedrichshagener“ wurde von Gustav Landauer sowie Wilhelm Spohr und Albert Weidner in der anarchistischen Bewegung weitergeführt. (rl)

Richtlinien (Manifest)

der Vereinigung Unabhängiger Sozialisten aus dem Jahre 1891

Wir oppositionell gesinnten Sozialisten wollen das ganze Proletariat zu einer Schlachtreihe gegenüber der Bourgeoisie vereinigen; jedoch bekämpfen wir jede erzwungene Zentralisation, welche die freie, eigene Bewegung bestimmter Arbeiterschichten lähmt.

Der Organisationskörper der politisch und wirtschaftlich organisierten Arbeiter muß unserer Ansicht nach nicht nur groß und umfangreich sein, er muß auch über starke selbsttätige Glieder verfügen; auf deren Entwicklung wollen wir besonders hinwirken.

In unserer Zeit, wo der Arbeiter Tag aus Tag ein von einer Kaserne in die andere wandert – von der Mietskaserne in die Arbeitskaserne -, erhält sein ganzes Leben einen einseitigen kasernenmäßigen Zuschnitt, der seine Individualität mehr und mehr verkümmert. Er trocknet gleichsam aus und verliert die Fähigkeit, neuen Eindrücken kritisch gegenüber zu treten.

Der Individualisierung der Arbeiter legen wir oppositionellen Sozialisten einen großen Wert bei. Wir wollen den Horizont des Arbeiters durch rege Diskussion über alle öffentlichen Fragen stetig erweitern. Lies den vollständigen Beitrag »

Apokalypsen

Im Jahre 1888, also zu Zeiten des Sozialistengesetzes, schreibt der naturalistische Schriftsteller Conrad Alberti in einer der führenden naturalistischen Zeitschrift, der „Gesellschaft“, einen Aufsatz mit der Überschrift: „Die Bourgeoisie und die Kunst“. Es heißt:
„Künstler! Genossen! Ihr Alle oder sage ich Ihr Wenigen? (…) ihr, die ihr noch eine wahre und große Liebe hegt für die wahre und große Kunst (…) Ihr habt gesehen, der heutige Niedergang der Künste ist kein bloßer arger Zufall, er ist eine soziale Notwendigkeit, es liegt im Wesen der Bourgeoisie, daß sie AlIes korrumpiert, materialisiert und vergiftet, was in ihren Bereich gerät, und so auch die Kunst daß sie dieselbe systematisch untergraben, herabziehen, vernichten muß. Und das soll das Ende sein? Horch, welch Tosen und Donnern und Rollen. Der Erdboden schwankt, die Paläste stürzen, Feuerwolken schnauben einher und der Würgeengel geht über die Erde.
Ein riesiger Dämon mit rauch- und staubgeschwärztem, faltigem Antlitz, mit fürchterlichen Muskeln, mit eisernen Fäusten Lies den vollständigen Beitrag »